Der Anspruch von LONDI:  Evidenzbasiert, qualitätsgesichert, wissenschaftlich aktuell

Hier finden Sie Informationen zu:

Während der Entwicklung des LONDI Hilfs- und Unterstützungssystems zur Diagnostik und Förderung bei Lernschwierigkeiten wurde eine umfassende Recherche, Dokumentation und Bewertung von diagnostischen Testverfahren sowie von Förderprogrammen vorgenommen, die als Datenbank hinterlegt ist und bei den einzelnen Schritten des Hilfssystems genutzt wird.

 

Qualitätskriterien diagnostischer Testverfahren

Verfügbare diagnostische Testverfahren zur Erfassung der Kompetenzen und Identifikation von besonderen Lernschwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen wurden in Anlehnung an die Minimalstandards für diagnostische Tools vom Transfer-Projekt des Projekts Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS-Transfer, 2021), das niederländische COTAN („Commissie Testaangelegenheden Nederland“)-System für die Beurteilung der Qualität psychologischer Tests (Evers, Sijtsma, Lucassen, & Meijer, 2010), die DIN SCREEN (Kersting, 2017) und die Leitlinien zu Lese- und/oder Rechtschreibstörung (AWMF, 2015) und Rechenstörung (AWMF, 2018) bewertet und dokumentiert. Die Bewertungen der Testverfahren bilden die Entscheidungsgrundlage für die Empfehlung von Testverfahren im Hilfssystem zur Feststellung und Charakterisierung des individuellen Förderbedarfs.

Die Bewertungskriterien umfassen die folgenden fünf Kategorien, wobei jeweils bewertet wurde, inwiefern die Kriterien erfüllt (+), weitgehend erfüllt (0; Kategorie traf nur für einige der Kategorien zu) oder nicht erfüllt (–) waren:

  1. Testgrundlage: Bewertung, ob das Diagnoseverfahren auf Grundlage einer Theorie oder auf in Bezug auf Lehrpläne / Bildungsstandards konzipiert wurde (+ oder –).
  2. Objektivität: Bewertung, inwieweit die Objektivität der Durchführung und der Auswertung gewährleistet sind.
  3. Reliabilität: Die Reliabilität wurde über die Retest- oder Paralleltest-Methode bestimmt (Reliabilitätswerte ≥ .85 = +; >.70 & <.85 = 0; ≤ .70 = –). Wenn die Retest- oder Paralleltest-Reliabilität nicht angegeben wurde, wurde die interne Konsistenz (Cronbach’s Alpha) bewertet (Reliabilitätswerte ≥ .85 = +; < .85 = –).
  4. Validität: Geprüft wurde, ob hinreichende Angaben der Inhalts- und Kriteriumsvalidität vorliegen (+ oder –).
  5. Interpretationseindeutigkeit
    • Normierungsmethode: Es wurde bewertet, ob das Diagnoseverfahren Klassennormen beinhaltet (+ oder –).
    • Stichprobengröße: Folgende Prüfkriterien wurden angewandt:
      n ≥ 250 = +; n ≥ 120 & < 250 = 0; n < 120 = – (Wyschkon & Esser, 2015).
    • Bewertet wurde zusätzlich, ob die Normen nicht veraltet sind. Das Ende des Normierungszeitraums wurde wie folgt bewertet: ≤ 10 Jahre her (+), > 10 & ≤ 15 Jahre her (0) oder > 15 Jahre her (–).
      Der Bewertungsschlüssel ist so aufgesetzt, dass nur wenn alle 3 Subkriterien (+)   ergeben, dass Gesamtergebnis (+) sein kann, wenn 1 oder 2mal (0) dann (0) und wenn 1 oder >1 mal (-), ist (-).

Auf Basis der Bewertung dieser fünf Kategorien wurde anschließend eine Bewertung für das gesamte Testverfahren gebildet (genügt Minimalstandards (5 Mal „+“) / genügt überwiegend Minimalstandards (max. 1 Mal „–“; max. 2 Mal „0“; min. 3 Mal „+“) / Kriterien nicht erfüllt). Im Hilfssystem werden nur die Diagnoseverfahren zur Feststellung des individuellen Förderbedarfs empfohlen, die den Minimalstandards wenigstens überwiegend genügen. Die Bewertung der Testverfahren erfolgte auf Basis der Information aus den Testmanualen.

 

Qualitätskriterien der Förderprogramme

In einer umfangreichen Recherche aller auf dem Markt verfügbaren Förderprogramme für Lesen, Schreiben und Rechnen wurden alle verfügbaren Paper-Pencil-Programme, computerbasierte Programme sowie Förder-Apps identifiziert, die deutschsprachig (bezogen auf die Beschreibung, Instruktion, Durchführung und das Material des Programmes) und strukturiert (d. h. keine reine Arbeitsblättersammlung) sind.

Eingeschlossen wurden Programme, die überwiegend symptomspezifisch fördern und Förderprogramme, zu denen mindestens eine Evaluationsstudie vorlag. Es folgte eine Recherche nach vorhandenen Evaluationsstudien zu sämtlichen ermittelten Förderprogrammen. Alle resultierenden Förderprogramme mit Evidenzbasierung wurden bewertet. Die Bewertung der Qualität eines Förderprogramms umfasst die fünf Bereiche:

  1. Wirksamkeit und Validität
  2. Wissenschaftliche Fundierung,
  3. Objektivität und Durchführbarkeit
  4. Zumutbarkeit für die Betroffenen
  5. Ökonomie für die Durchführenden

Die Entwicklung von Diagnostik-Verfahren zur Bestimmung der Lese-, Rechtschreib- und Rechenkompetenzen und von Förder-Verfahren für Kinder mit besonderen Lernschwierigkeiten erfolgte in der einschlägigen Forschung bisher weitgehend unabhängig voneinander. Während die Entwicklung von Diagnoseverfahren eher auf der Grundlage von Bildungsstandards oder globalen Kompetenzkonstrukten und psychometrischen Standards erfolgte, basiert die Mehrzahl evidenzbasierter Förderprogramme auf Entwicklungs- bzw. Stufen-Modellen des Erwerbs der entsprechenden Fertigkeiten. Das erschwert die begründete inhaltliche Verknüpfung zwischen den Ergebnissen einschlägiger Diagnoseverfahren und der Auswahl der im Einzelfall bestmöglichen Förderprogramme. Die verbreitete Forderung im Feld, dass die Auswahl geeigneter Förder-Verfahren für ein Kind mit Lernschwierigkeiten diagnosegeleitet erfolgen sollte, lässt sich daher nicht ohne Weiteres umsetzen.

Um diese Barriere zu überwinden, wurde für LONDI für die Bereiche Lesen, Rechtschreiben und Rechnen jeweils ein generisches Entwicklungs- bzw. Erwerbsmodell formuliert, das sich in pragmatischer Weise an besonders verbreiteten Entwicklungsmodellen des Erwerbs dieser zentralen schulischen Kompetenzbereiche orientiert und hinreichend differenziert ist, um die Übungselemente von Förderprogrammen zu beschreiben. Die vorgeschlagenen Kompetenzstufen orientieren sich an den weit verbreiteten Entwicklungsmodellen des Erwerbs schulischer Fertigkeiten, zu denen etwa die Stufenmodelle der Schriftsprachentwicklung von Frith (1985) und Ehri (1999) sowie die Entwicklungsmodelle des Erwerbs des Rechnens von Krajewski (2005; 2013) und Fritz, Ehlert und Leutner (2018) gehören. Diesen Modellen ist gemein, dass die Entwicklungssequenz sich beim altersgemäßen Erwerb von einer Stufe mit basalen Kompetenzen über zunehmend erweiterte, differenziertere und automatisierte Kompetenzstufen vollzieht.

Für die Festlegung der generischen Kompetenzstufen wurden zunächst alle Übungen der Förderprogramme einzeln beschrieben, z.B. „Lautwahrnehmung“ oder „Silbengliederung“. Im nächsten Schritt wurden diese Inhalte dann in jedem Fertigkeitsbereich vier Kompetenzstufen zugeordnet, z.B. „Basiskompetenzen Lesen und Schreiben“. Die festgelegten Kompetenzstufen wurden so adaptiert, dass eine Zuordnung aller Übungen bzw. Förderkomponenten möglich war. Die ersten beiden Kompetenzstufen sind im Bereich Lesen und Rechtschreiben identisch, da die Basisfertigkeiten für beide Schriftsprachkomponenten vergleichbar sind (z.B. Buchstabenkenntnis). In den späteren Stufen wird hingegen zwischen Lesen und Rechtschreiben differenziert, da hier keine strikte Parallelität der Lese- und Rechtschreibentwicklung mehr vorliegt.

Die Inhalte der vorgeschlagenen Kompetenzstufen sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

 

Tabelle 1:

Generisches Modell der Kompetenzstufen für den Erwerb von Lesen, Schreiben und Rechnen

 

  Kompetenzstufen Inhalte
1 Basis-kompetenzen Lesen und Schreiben

 

·         Sprachwahrnehmung (akustischer Vergleich/ Wahrnehmung von gehörten Wörtern)

·         Lautwahrnehmung (Lautanalyse und -synthese)

·         Silbengliederung mündlich (Silbenanalyse und -synthese)

·         Laut-Buchstabe-/Buchstabe-Laut-Beziehung (Verknüpfung von isolierten Lauten und Buchstaben(kombinationen))

1 Basis-kompetenzen Rechnen

 

·         Zahlwortabfolge und -kenntnis (Abfolge der Zahlen als gesprochene Zahlwörter)

·         Mengenverarbeitung (Unterschiede zwischen Mengen erfassen)

·         Zahl-Mengen-Verknüpfung (einer Menge die entsprechende Zahl zuordnen und umgekehrt)

·         Relationen (Mengen und Zahlen gemäß ihrer Anzahl zueinander sowie untereinander in Bezug setzen)

2 Erstes Lesen und Schreiben

 

·         Häufige Buchstabenkombinationen und Konsonantencluster (häufige Buchstabenkombinationen und Aufeinanderfolge mehrerer Konsonanten lesen und schreiben)

·         Silben schriftlich (Silbenanalyse und -synthese schriftlich, Silben lesen und schreiben)

·         Phonologische/phonografische Regelmäßigkeiten (einfache Wörter lesen oder schreiben, Fokus auf dekodierendem Lesen)

2 Erstes Rechnen ·         Teil-Teil-Ganzes-Konzept (Zahlen und Mengen in Teilmengen zerlegen und wieder zusammensetzen)

·         Objektgebundenes Rechnen (Rechnen mit dargestellten Mengen oder unter Zuhilfenahme von Objekten bzw. anschauliches Rechnen)

3 Lesen ·         Pseudowörter (nach geltenden Regeln erstellte, aber nicht existierende Wörter lesen)

·         Wortlesen (einzelne Wörter mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad lesen; Ganzwortlesen im Vordergrund)

·         Blitzlesen (nur kurz sichtbares Wort als Ganzes erfassen und lesen)

3 Schreiben ·         Orthographie (Rechtschreibregeln anwenden, Fokus auf Regeln und zu ergänzenden Lupenstellen)

·         Wörter schreiben/Grundwortschatz (einzelne Wörter schreiben)

·         Grammatik (Wortarten und Zeiten)

3 Rechnen ·         Nicht-objektgebundenes Rechnen (Rechnen nur mit Ziffern)

·         Aufbau Faktenwissen (Zahlenreihen systematisch trainieren, schnelle Aufgaben mit Zeitbegrenzung)

4 Angewandtes und flexibles Lesen ·         Satzlesen (Ganze Sätze lesen und verstehen)

·         Textlesen (mehrere Sätze hintereinander lesen und verstehen)

·         Metakognition (Strategien zum besseren Verständnis von Texten vermitteln)

4 Angewandtes und flexibles Schreiben ·         Sätze schreiben (ganze Sätze werden diktiert)

·         Schreibschrift (Fokus auf Automatisierung der Schrift)

4 Angewandtes und flexibles Rechnen ·         Schriftliches Rechnen (für das jeweilige Alter komplexe, mehrschrittige Rechenaufgaben)

·         Textaufgaben (wenig Anleitung, Verstehen der Struktur einer Textaufgabe im Vordergrund)

·         Zahlenreihen (logisches Schlussfolgern mit Zahlen)

·         Umgang mit Maßeinheiten (Geld, Uhrzeit, Längenmaße)

·         Geometrie (Längen ausmessen, Längen vergleichen)

 

 

Dieses generische Kompetenzstufenmodell erlaubt eine Ausdifferenzierung der Skalen- und Subskalenwerte einschlägiger diagnostischer Testverfahren für die Bereiche Lesen, Rechtschreiben und Rechnen, so dass aus vorliegenden Testergebnissen kompetenzstufen-spezifische diagnostische Informationen gezogen werden können. Die so gewonnenen Informationen dienen dazu, individuell geeignete Förderprogramme zu identifizieren. Dies trägt dazu bei, die Fördermaßnahmen adaptiv an das individuelle Kompetenzniveau eines Kindes anzupassen.

Im Zeitraum von 2010 bis 2017 wurde im Rahmenprogramm „Empirische Bildungsforschung“ des BMBF der Forschungsschwerpunkt „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ESF)“ gefördert. Ziel von ESF war es, die individuelle, ursachenbezogene und förderrelevante Diagnostik sowie die evidenzbasierte Förderung von Lernstörungen weiter zu entwickeln. Die im Forschungsschwerpunkt ESF gewonnen Erkenntnisse gehören zu den Grundlagen, die in die Entwicklung der LONDI Online-Plattform einflossen sind.

Die LONDI Online-Plattform wurde im Rahmen des Verbundvorhabens „Entwicklung und Implementation einer Onlineplattform zur Diagnostik und Förderung von Kindern mit einer umschriebenen Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten“ entwickelt.

Das Verbundvorhaben wird seit April 2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmenprogramm zur Förderung der Empirischen Bildungsforschung gefördert und ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie dem LMU Klinikum, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Die zwei Forschungsschwerpunkte „förderrelevante Diagnostik“ und „evidenzbasierte Förderung“ verfolgend wurden in den Forschungsprojekten des Verbunds die technischen und inhaltlichen Grundlagen der LONDI Online-Plattform geschaffen,  ein Screeningverfahren entwickelt, offene Fragen zur Diagnostik und zur Förderung geklärt sowie neue Fördertools entwickelt.

Das LONDI Plattform wurde von in enger Abstimmung mit Vertreter*innen der  Schulpsychologie, der Deutschdidaktik, der Mathematikdidaktik und der Kommunalen Jugendhilfe sowie mit Lerntherapeut*innen,  Technikexpert*innen  und Eltern betroffener Kinder entwickelt.

 

Verbundorganisationsstruktur mit LONDI Forschungsprojekten