Legasthenie- und Dyskalkulietherapie im Rahmen der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII

Eltern können für Kinder und Jugendliche unter bestimmten Umständen Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII beantragen, im Rahmen derer Legasthenie- oder Dyskalkulietherapie durchgeführt werden kann. Die folgenden Informationen basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der aktuell gültigen S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Sie sollen die Fachkräfte bei der Bearbeitung entsprechender Anträge unterstützen – beginnend vom Antragseingang über die Therapieplanung bis Therapieende.

Im Folgenden wird für Legasthenie/Lese-Rechtschreibstörung und Dyskalkulie/Rechenstörung zusammenfassend der Begriff Lernstörung sowie für Legasthenietherapie und Dyskalkulietherapie der Begriff Lerntherapie verwendet.

Grundlage einer Entscheidung ist der Inhalt des § 35a SGB VIII Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche.

(1) Kinder oder Jugendliche haben Anspruch auf Eingliederungshilfe, wenn

  1. ihre seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht, und
  2. daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Von einer seelischen Behinderung bedroht im Sinne dieses Buches sind Kinder oder Jugendliche, bei denen eine Beeinträchtigung ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft nach fachlicher Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. § 27 Absatz 4 gilt entsprechend.

(1a) Hinsichtlich der Abweichung der seelischen Gesundheit nach Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 hat der Träger der öffentlichen Jugendhilfe die Stellungnahme

  1. eines Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie,
  2. eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, eines Psychotherapeuten mit einer Weiterbildung für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen oder
  3. eines Arztes oder eines psychologischen Psychotherapeuten, der über besondere Erfahrungen auf dem Gebiet seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen verfügt,

einzuholen. Die Stellungnahme ist auf der Grundlage der Internationalen Klassifikation der Krankheiten in der vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte herausgegebenen deutschen Fassung zu erstellen (BfArM, 2020). Dabei ist auch darzulegen, ob die Abweichung Krankheitswert hat oder auf einer Krankheit beruht. Die Hilfe soll nicht von der Person oder dem Dienst oder der Einrichtung, der die Person angehört, die die Stellungnahme abgibt, erbracht werden.

(2) Die Hilfe wird nach dem Bedarf im Einzelfall

  1. in ambulanter Form,
  2. in Tageseinrichtungen für Kinder oder in anderen teilstationären Einrichtungen,
  3. durch geeignete Pflegepersonen und
  4. in Einrichtungen über Tag und Nacht sowie sonstigen Wohnformen geleistet.

(3) Aufgabe und Ziele der Hilfe, die Bestimmung des Personenkreises sowie Art und Form der Leistungen richten sich nach Kapitel 6 des Teils 1 des Neunten Buches sowie § 90 und den Kapiteln 3 bis 6 des Teils 2 des Neunten Buches, soweit diese Bestimmungen auch auf seelisch behinderte oder von einer solchen Behinderung bedrohte Personen Anwendung finden und sich aus diesem Buch nichts anderes ergibt.

(4) Ist gleichzeitig Hilfe zur Erziehung zu leisten, so sollen Einrichtungen, Dienste und Personen in Anspruch genommen werden, die geeignet sind, sowohl die Aufgaben der Eingliederungshilfe zu erfüllen als auch den erzieherischen Bedarf zu decken. Sind heilpädagogische Maßnahmen für Kinder, die noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, in Tageseinrichtungen für Kinder zu gewähren und lässt der Hilfebedarf es zu, so sollen Einrichtungen in Anspruch genommen werden, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam betreut werden.


Die Jugendhilfe entscheidet unter Einbeziehung des Kindes/Jugendlichen und seiner Eltern über den Antrag in eigener Zuständigkeit und prüft zunächst die Voraussetzungen für die Gewährung der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII:

Grundlage der Einschätzung der seelischen Gesundheit ist eine ausführliche Stellungnahme durch eine Fachkraft (eines Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, eines Psychotherapeuten mit einer Weiterbildung für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen oder eines Arztes oder eines psychologischen Psychotherapeuten, der über besondere Erfahrungen auf dem Gebiet seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen verfügt) . Ist die Stellungnahme nicht ausführlich genug, um eine mögliche Abweichung der seelischen Gesundheit zu beurteilen, sollten fehlende Informationen nachgefordert werden. Neben einer Anamnese des Kindes/Jugendlichen und der Eltern, mit Fokus auf die Lernstörung und mögliche psychische Störungen, muss die Stellungnahme Informationen zu verschiedenen Bereichen der psychischen und körperlichen Gesundheit und Entwicklung enthalten – die diagnostisch auf den sechs „Achsen“ des Multiaxialen Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters (MAS) kodiert werden. Auf dieser Grundlage ist eine ganzheitliche Beurteilung der körperlichen und der psycho-sozialen Gesundheit und Belastungen sowie Erkrankungen möglich. Differentialdiagnostisch müssen andere körperlichen Beeinträchtigungen, wie z.B. Hör- und Sehbehinderungen, die ursächlich für die Lernprobleme in Frage kommen, ausgeschlossen sein.

Die Diagnosestellung der Lernstörung(en) (nach ICD-10 „umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“) findet sich auf Achse 2. Die Diagnostik sollte umfassend die Lesefertigkeiten (Wortlesegeschwindigkeit, Lesegenauigkeit, Leseverständnis), Rechtschreibfertigkeiten bzw. Rechenfertigkeiten gemäß den Empfehlungen der S3-Leitlinien erfassen.

Besonders relevant zur Einschätzung der Lernstörung sind die folgenden Fragen:

  • Welche Lernbereiche sind betroffen?
    Handelt es sich um eine isolierte (LINK WISSENSTEIL isolierte Lernstörung) oder um eine kombinierte (LINK WISSENSTEIL kombinierte Lernstörung) Lernstörung?
  • Wurden Testverfahren zur Diagnostik der Lernstörung verwendet, die gemäß den Empfehlungen der S3-Leitlinie bzw. dieser Plattform über aktuelle Normen verfügen?
    Folgende Testverfahren sollten bevorzugt verwendet werden: Empfohlene Testverfahren (LINK zu empfohlenen Diagnoseverfahren)
  • Welche Ergebnisse wurde in den verschiedenen Testverfahren erzielt?
    Ein Testergebnis gilt als unterdurchschnittlich (LINK Durchschnittsbereich), wenn ein T-Wert ≤ 40 oder ein Prozentrang ≤ 16 erzielt wird.

Natürlich sind alle in der Stellungnahme enthaltenen Informationen auf den weiteren Achsen ebenfalls relevant. Besonders wichtig sind allerdings:

  • Intelligenzniveau (LINK WISSENSTEIL Intelligenzdiagnostik) (Achse 3): Der Intelligenzquotient muss höher als 85 IQ-Punkte liegen, da sonst keine Lernstörung, sondern eine Intelligenzminderung diagnostiziert werden würde, die eine Diagnose im Sinne von F81.0., F81.1., F81.2 oder F81.3 ausschließen würde. Eine Diskrepanz des IQs (LINK WISSENSTEIL Diskrepanzkriterium) zur Lese-/Rechtschreib- oder Rechenleistung hingegen muss zur Diagnosestellung nicht vorliegen (s. auch Leitlinie – LINK GLOSSAR Leitlinie).
  • Liegt eine psychiatrische Diagnose (Achse 1) als komorbide Störung (Komorbiditäten) vor? Auch wenn dies nicht der Fall ist, kann die Lernstörung die Entwicklung des Kindes/Jugendlichen und seine Teilhabe an der Gesellschaft gefährden. Komorbiditäten wirken sich meist jedoch zusätzlich negativ auf die psycho-soziale Entwicklung aus.

Mit einer Feststellung der länger als sechs Monate andauernden Abweichung der seelischen Gesundheit von der alterstypischen Entwicklung ist nicht automatisch eine Teilhabebeeinträchtigung verbunden bzw. zu erwarten, sondern diese muss separat geprüft werden. Neben den Bereichen Familie und Freizeit ist der schulische Bereich besonders relevant. Ziel ist es, durch die Informationen aus den verschiedenen Lebensbereichen ein umfassendes Bild der möglichen Teilhabebeeinträchtigung zu gewinnen. Nicht nur die Defizite, sondern auch die Ressourcen des Kindes sind hierbei wichtig.

Um einen umfassenden Eindruck der möglichen Teilhabebeeinträchtigung in der Schule zu bekommen, kann die Lehrkraft gebeten werden, einen dafür erstellten Fragebogen (im Folgenden Schulfragebogen genannt) auszufüllen. Auch Zeugnisse können angefordert werden. Der Schulfragebogen sollte u.a. folgende Punkte erfragen:

  • Wie zeigen sich die Lernschwierigkeiten des Kindes im Unterricht?
  • Liegen zusätzlich psychische Probleme vor, z.B. im Verhalten, in den Emotionen (Angst, Depression)?
  • Wie ist das Kind/der Jugendliche in die Klasse integriert und wie wirkt sich die Lernstörung auf die soziale Teilhabe aus?
  • Was für einen Förder- und Unterstützungs-, ggf. Behandlungsbedarf sieht die Lehrkraft?
  • Welche Fördermöglichkeiten gibt es an der Schule? Besucht das Kind diese regelmäßig? Wurden damit Verbesserungen erzielt?
  • Liegen bereits schulische Untersuchungsergebnisse über das Kind vor?

Ein Muster für einen Schulfragebogen können Sie hier (LINK PDF Schulfragebogen) herunterladen.

Neben dem Schulfragebogen kann auch die fachliche Stellungnahme Hinweise auf eine Teilhabebeeinträchtigung geben.

Nur wenn die Lernstörung in erkennbarem Zusammenhang mit einer (drohenden) Teilhabebeeinträchtigung steht (d.h. diese verursacht oder mit hoher Wahrscheinlichkeit herbeiführen wird), sind die Voraussetzungen für eine Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII gegeben.

Nach Prüfung der Voraussetzungen erfolgt die Planung des Hilfebedarfs und die Entscheidung über die vorrangig notwendige und geeignete Hilfe.

Weitere Infos zu Komorbiditäten

Bei Kindern und Jugendlichen mit Lernstörung treten überzufällig häufig weitere Störungen, so genannte Komorbiditäten, auf: Laut Studien sind bis zu 50% der Kinder mit einer schulischen Entwicklungsstörung (Lese-, Rechtschreib-, Lese- und Rechtschreibstörung, Rechenstörung) von einer komorbid auftretenden psychischen Störung (ADHS, Angststörung, depressive Episode, Störung des Sozialverhaltens) betroffen. Auch dann, wenn die psychischen Symptome nicht das vollständige Störungsbild nach ICD-10 erfüllen, können sie starke Auswirkungen auf die psycho-soziale Entwicklung haben.

Auf Grund des häufigen Auftretens empfehlen die Leitlinien, dass das Vorhandensein von Komorbiditäten bei der Diagnostik einer Lernstörung immer mit untersucht werden sollte (LINK Leitlinien). Liegen Komorbiditäten vor, ist die Prognose der Lernstörung schlechter und der Förderbedarf ist erhöht. Auch die Umsetzung der Lerntherapie muss u.U. bei bestehender Komorbidität angepasst werden: Liegt bspw. eine ADHS oder emotionale Störung vor, muss ein/e Lerntherapeut*in die psychische Symptomatik besonders beachten und die psychische Komorbidität im Behandlungsplan berücksichtigen, um erfolgreich mit dem Kind/Jugendlichen arbeiten zu können.

Es kann, abhängig vom Schweregrad zusätzlich ein Behandlungsbedarf für die komorbiden psychischen Störung bestehen, der unabhängig von der Lerntherapie erfüllt werden sollte und evtl. bevor diese begonnen wird: Besteht bspw. eine ausgeprägte Angststörung, kann diese allein im Rahmen einer Lerntherapie nicht ausreichend behandelt werden. Leistungen anderer Kostenträger (z.B. Krankenkasse) können daher für den Hilfeplan mitberücksichtigt werden.

Liegt neben einer Lese-/Rechtschreibstörung noch zusätzlich eine Rechenstörung vor oder umgekehrt, wird diese ebenfalls als Komorbidität bezeichnet. Solch eine komorbid, oder kombiniert, auftretende Lernstörung sollte in der Therapieplanung besonders berücksichtigt werden (s. Festlegung Therapieumfang).

Es kann, abhängig vom Schweregrad zusätzlich ein Behandlungsbedarf für die komorbiden psychischen Störung bestehen, der unabhängig von der Lerntherapie erfüllt werden sollte und evtl. bevor diese begonnen wird: Besteht bspw. eine ausgeprägte Angststörung, kann diese allein im Rahmen einer Lerntherapie nicht ausreichend behandelt werden. Leistungen anderer Kostenträger (z.B. Krankenkasse) können daher für den Hilfeplan mitberücksichtigt werden.

Liegt neben einer Lese-/Rechtschreibstörung noch zusätzlich eine Rechenstörung vor oder umgekehrt, wird diese ebenfalls als Komorbidität bezeichnet. Solch eine komorbid, oder kombiniert, auftretende Lernstörung sollte in der Therapieplanung besonders berücksichtigt werden (s. Festlegung Therapieumfang).

 

Förderart und -umfang festlegen

Die Jugendhilfe entscheidet über Art und Umfang der Hilfe, die sie finanziert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der notwendige Förderumfang abhängig von verschiedenen Faktoren:

  • der Schwere der Lernstörung (gemessen an den Testergebnissen)
  • der Beeinträchtigung, die sie hervorruft (in Schule, Freizeit, Familienleben,…)
  • ob es sich um eine isolierte oder kombinierte Lernstörung (Lese-/Rechtschreibstörung und Dyskalkulie) handelt
  • Vorliegen von weiteren psychischen Belastungen und Erkrankungen
  • Vorliegen einer weiteren Lernstörung (z.B. einer Rechenstörung bei einer isolierten Lesestörung)

 

Bei kombinierten Lernstörungen sind mehr Stunden notwendig als bei einer isoliert auftretenden Lernstörung. Die Prognose über den Verlauf der Lernstörung ist schlechter, als bei einer isolierten Lernstörung. Außerdem sind die zu behandelnden Defizite dementsprechend mehr.

In diesem Fall ist zu entscheiden, wie die Therapieplanung erfolgen soll. Wird erst eine und dann die andere Lernstörung behandelt? Oder wird eine Therapie beider Lernstörungen eingeleitet? Eine klare, pauschale Empfehlung kann aus wissenschaftlicher Sicht aufgrund der Datenlage noch nicht gegeben werden. Generell lässt sich aber sagen, dass ein Beginn mit der Lernstörung, die eine stärkere Beeinträchtigung hervorruft, meist sinnvoll ist. Rufen allerdings beide Lernstörungen starke Beeinträchtigungen hervor, kann es angezeigt sein, beide gleichzeitig zu behandeln, da sich durch Abwarten das Leistungsdefizit und psychische Begleiterscheinungen verschlimmern können. In diesem Fall sind zwei Sitzungen pro Woche empfehlenswert.

 

Hilfe bei der Therapeut*innensuche

Begriffe wie „Lerntherapeut*in“, „Legasthenietherapeut*in“, „Dyskalkulietherapeut*in“ oder „Mathetherapeut*in“ sind in Deutschland nicht geschützt. Jemand, der diese Berufsbezeichnung führt, hat also nicht immer auch eine entsprechende Qualifikation. Für Eltern und Fachkräfte ist es deshalb manchmal schwierig zu beurteilen, welche Förderangebote tatsächlich geeignet sind und ob sie von qualifizierten Therapeut*innen erbracht werden. Eltern benötigen Hilfe und die Weiterleitung entsprechender Kontakte, z.B.  durch das Jugendamt, um eine*n qualifizierten Therapeut*in zu finden.

Was aber sind notwendige Qualifikationen für eine*n Lerntherapeut*in? Da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, kann man sich nur an zertifizierten Weiterbildungen orientieren. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL) und der Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL) haben Weiterbildungsstandards entwickelt, die Therapeut*innen eine grundlegende Qualifikation vermitteln (Dyslexietherapeut*in/ Dyskalkulietherapeut*in nach BVL bzw. integrative*r Lerntherapeut*in FiL). Auch nach Reuter-Liehr zertifizierte Therapeut*innen haben eine entsprechende Qualifikation; manche Hochschulen bieten außerdem Bachelor- und Masterstudiengänge im Bereich Lernstörungen an.

 

Förderplan von Therapeut*innen einfordern

Hat der/die Therapeut*in das Kind kennengelernt und kann Leistungsdefizite und weitere bestehende Symptome, Risikofaktoren, aber auch Ressourcen einschätzen, sollte er/sie einen Förderplan erstellen. In ihm wird festgelegt, welche Ziele in der Therapie angestrebt werden und wie und wann diese erreicht werden sollen. Ein Förderplan ist für alle Beteiligten ein hilfreiches Instrument. Er schafft Planbarkeit und macht Fortschritte überprüfbar. Außerdem schafft er Transparenz bzgl. der Inhalte der Therapie.

Der/die Therapeut*in entscheidet vor Ablauf der genehmigten Förderstunden, ob die Therapie seiner/ihrer Sicht nach beendet oder weitergeführt werden sollte. Meist führt er/sie zuvor noch ein Eltern- und Lehrkraftgespräch und erfragt auch die Meinung des Kindes/Jugendlichen. Je nach der Entscheidung des/der Therapeut*in verfasst er/sie rechtzeitig vor Ablauf der bisher bewilligten Stunden einen Weiterbewilligungsantrag. Dieser enthält eine Beschreibung der Therapieeffekte im Leistungsbereich (inkl. Testergebnisse) und im psychischen Bereich. Die Überprüfung des Leistungsfortschritts sollte allerdings nicht durch den Leistungserbringer, also der/dem Therapeut*in erfolgen. Außerdem sollten die durchgeführte Therapie- und Fördermaßnahmen beschrieben werden.

Einschätzen der Qualität der Lerntherapie

  • Wird der Leistungsbereich symptomspezifisch gefördert?
    Weitere Infos

    Es kann sinnvoll sein, bspw. Bewegung in die Therapie zu integrieren. Dies allein hilft aber nicht, die Lernstörung selbst zu verbessern, sondern evtl., die Therapie effektiver durchführen zu können. Die Symptomatik selbst lässt sich nur dadurch verbessern, dass an den Defiziten im Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen selbst gearbeitet wird. Dies wird auch in den S3-Leitlinien (LINK Leitlinien) zur Diagnostik und Behandlung bei der Lese-/Rechtschreibstörung und der Rechenstörung gefordert. Die Lerntherapie im Rahmen der Eingliederungshilfe wird unter Einbeziehung der psychischen Befindlichkeit des Kindes und dem Vorliegen komorbider Störungen durchgeführt.

  • Werden evaluierte/evidenzbasierte Förderprogramme verwendet?
    Weitere Infos

    Es sollten nur solche Programme verwendet werden, deren Wirksamkeit in Studien belegt werden konnte (evaluierte Förderprogramme) (LINK empfohlene Förderprogramme). In Ausnahmefällen, die begründet sein müssen, kann auch auf Förderprogramme zurückgegriffen werden, die zwar nicht selbst evaluiert sind, die aber aus Komponenten bestehen, deren Wirksamkeit im Rahmen von anderen Programmen belegt werden konnte.

  • Wird kleinschrittig vorgegangen, so dass Erfolgserlebnisse möglich sind?
  • Wird, angepasst an das jeweilige Kind, eine passende Fördermethode angewandt und diese auch beibehalten? Methodenvielfalt ist für Kinder mit Lernstörung oft verwirrend.
  • Werden Lehrkraft und Eltern in die Therapie einbezogen (z.B. regelmäßige Gespräche)?
  • Werden Komorbiditäten berücksichtigt?

Zur Einschätzung des Therapieerfolgs außerdem wichtig:

  • Werden die Inhalte und Ziele des Förderplans berücksichtigt?
  • Wie sieht die bisher erzielte Verbesserung im Leistungsbereich anhand aktueller Testergebnisse aus?
  • Zeigt sich ein Transfereffekt auf die Schulnoten (Zeugnisse anfordern)?
  • Wie geht es dem Kind/Jugendlichen psychisch? Wie haben sich eventuelle Komorbiditäten entwickelt?
  • Ist die Teilhabe noch beeinträchtigt (neuer Schulfragebogen von Lehrkraft ausfüllen lassen)?
  • Wo besteht noch Förderbedarf? Wie soll dieser nach Einschätzung des/der Therapeut*in erfüllt werden?

Können die meisten dieser Punkte positiv beantwortet werden, scheint die Therapie grundsätzlich angemessen und hilfreich zu sein und eine Weiterführung sinnvoll, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind.