Elterncoaching - Eltern sein - eigener Umgang

Diese Frage stellen sich viele Eltern, wenn sich zeigt, dass Ihr Kind beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens größere Schwierigkeiten als andere Kinder hat.

Eine LRS oder Rechenstörung hat jedoch biologische Ursachen. Wären die Schwierigkeiten auf einen tatsächlichen Mangel an Lerngelegenheiten zurückzuführen, würde man keine LRS oder Rechenstörung diagnostizieren.

Trotzdem geht es vielen Eltern so, dass sie bei sich selbst die Schuld suchen. Das ist normal, denn der Mensch neigt dazu, sich verantwortlich zu fühlen. Grund für diese Schuldgefühle sind die potenziell schädlichen Folgen, die man glaubt durch sein Handeln/nicht Handeln anderen zugefügt zu haben (Gazzillo et al. 2020). Zu verstehen, dass niemand an der LRS/Rechenstörung Ihres Kindes „schuld“ ist, ist sehr wichtig.
Versuchen Sie sich immer wieder klarzumachen, dass Ihr Kind in vielen Dingen gut ist, aber eben im Lesen, Schreiben oder Rechnen Schwierigkeiten hat. Da diese Bereiche in unserer Gesellschaft als wichtig angesehen werden, ist es für alle Beteiligten eine Herausforderung, damit umzugehen. Eine unterstützende Familie ist jedoch eine riesengroße Ressource, die gar nicht stark genug hervorgehoben werden kann. Damit Sie aber für Ihr Kind da sein können ist es wichtig, dass Sie auch auf sich selbst achten.

Der Wunsch, ihrem Kind zu helfen, ist bei allen Eltern groß. Für Kinder mit einer Lernstörung werden oft alle zur Verfügung stehenden Ressourcen (bspw. Zeit, Wissen, finanzielle Ressourcen, Autonomie) eingesetzt, um es dem Kind in dieser schweren Zeit möglichst leicht zu machen. Oft vergessen sich die Eltern dabei selbst. Hohe „Investitionen“ in das Kind, verbunden mit geringen „Investitionen“ in sich selbst, können schnell dazu führen, dass Ihnen Ressourcen für sich selbst fehlen und Sie sich sehr gestresst fühlen (Parenting Stress Index, 2004. Stress kann negative gesundheitliche Folgen haben, die wiederum den Stress erhöhen können (Hobfoll, 1988). Um gar nicht erst in solch eine Spirale hineinzugeraten, ist es sehr wichtig, auch auf sich selbst zu achten.

Das Wohlergehen Ihres Kindes ist unweigerlich mit Ihrem eigenen Glück und Ihrer eigenen Zufriedenheit verbunden. Geht es Ihnen schlecht, wird sich das auch auf Ihr Kind auswirken (Stadelmann et al. 2010). Insgesamt ist hier eine Wechselwirkung des Stresserlebens der Eltern und der Kinder anzunehmen (Neece et al. 2012). Sehr hohe psychische Belastungen sowohl bei Müttern als auch bei Vätern können zu einem starken Anstieg des Risikos führen, dass die Kinder selbst psychische Schwierigkeiten entwickeln (Vostanis et al. 2006; Stadelmann et al. 2010). Diese Entwicklung ist dabei also nicht die Summe individueller Mechanismen, sondern das Produkt der andauernden Interaktionen mit der Umwelt (Neece et al. 2012). Mütter scheinen noch stärker von psychischer Belastung betroffen zu sein als Väter, was wahrscheinlich auch gesellschaftliche Gründe hat  (King et al., 1996). Grundsätzlich können alle Eltern von Stress und psychischer Belastung betroffen sein. Eltern von Kindern mit einer Lernstörung haben jedoch ein erhöhtes Risiko.

„Wo bin ich eigentlich geblieben?“ – eine Frage, die Sie sich selbst vielleicht auch schon gestellt haben. Diese Frage ist sehr wichtig und Sie brauchen sich keinesfalls schlecht oder egoistisch zu fühlen, wenn Sie sie sich stellen. Im Gegenteil, versuchen Sie, sich regelmäßig daran zu erinnern, sich selbst nicht zu vergessen. Folgende Punkte können Ihnen dabei helfen:

  • Erinnern Sie sich immer wieder daran, dass es nicht nur gut für Sie, sondern auch gut für Ihr Kind ist, wenn Sie auf sich selbst achten (Stadelmann et al. 2010).
  • Akzeptieren Sie Ihre eigenen Grenzen und achten Sie auf deren Einhaltung. Die Befriedigung von wesentlichen Bedürfnissen und das damit verbundene subjektive Wohlbefinden, bspw. durch Genuss- und Entspannungsübungen oder Erholung ist förderlich für Ihre Gesundheit und ein glückliches miteinander (SAR-Modell, Becker, 2006).
  • Unterstützen Sie sich als Familie gegenseitig. Es kann bedeutende gesundheitliche Effekte haben, wenn Sie merken, dass Sie nicht alles allein stemmen müssen. Nicht nur die Mutter oder nur der Vater sollten sich um das betroffene Kind kümmern. Erstellen Sie gegebenenfalls einen Plan, um sich Ihre Ressourcen untereinander aufzuteilen.
    Holen Sie sich gegebenenfalls externe Hilfe
  • Geben Sie Ihrem Kind ausreichend Freiräume, seine Stärken zu entwickeln, sei es im Sport, in einem Hobby, in der Musik oder bei allen anderen Interessen. Nehmen auch Sie sich diese Freiräume, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Dieses kurze Video von Quarks zeigt das Thema psychische Belastung und Überforderung von Eltern: https://www.instagram.com/p/CR5lr4dKTmR/?utm_medium=copy_link

  • Weiterbildung:
    Manchen Menschen hilft es, ein besseres Verständnis der gesamten Situation zu bekommen. Hier (LINK Elternteil Londi) haben wir Informationen zu Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung für Sie zusammengefasst.Auch der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. bietet umfangreiche Informationen an, z.B. über seine Homepage (LINK), über Ratgeber zu verschiedenen Themen (z.B. https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/bvl/8_Elternratgeber_2018.pdf) , durch einen dreijährlich stattfindenden Kongress, Fachtagungen, Seminare und Workshops. Auch das regelmäßige Lesen der Mitgliederzeitschrift LEDY trägt mit dazu bei, immer aktuell informiert zu sein.
  • Netzwerke aufbauen:
    Der Kontakt mit anderen Eltern kann sehr hilfreich und entlastend sein. Hilfreich, da diese evtl. schon andere Erfahrungen gemacht haben und Tipps geben können. Und entlastend, da Sie dadurch tatsächlich erleben, dass Sie nicht der/die Einzige in so einer Situation sind. Themen, über die andere Eltern vielleicht gar nicht nachdenken, können Sie hier explizit ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.Eine Möglichkeit, andere betroffene Eltern kennenzulernen, ist z.B. einen Arbeitskreis LRS  oder Dyskalkulie an der Schule Ihres Kindes zu gründen. Zu diesem könnten Sie auch gelegentlich den/die Schulpsycholog*in, Beratungslehrkraft, Schulleiter, falls vorhanden LRS-(Dyskalkulie)Fachkraft und Experten einladen und gemeinsam überlegen, was für eine optimale Unterstützung der Kinder getan werden kann.
    Auch wenn solch ein zusätzliches Engagement natürlich eine Zeitfrage ist: Der gegenseitige Austausch kann sich sehr positiv auswirken. 5
    Auch über den BVL und seine Landesverbände können Sie Eltern in Ihrer Region kennenlernen, z.B. über Veranstaltungen oder die Teilnahme an Ortsgruppen (LINK BVL).
  • Beratungsangebote nutzen:
    Sie können sich beim BVL telefonisch beraten lassen. Da der BVL und seine Landesverbände hauptsächlich von betroffenen Eltern getragen werden, werden die Anliegen von Eltern gut nachvollzogen.

Gazzillo, Francesco; Fimiani, Ramona; Luca, Emma de; Dazzi, Nino; Curtis, John T.; Bush, Marshall (2020): New developments in understanding morality: Between evolutionary psychology, developmental psychology, and control-mastery theory. In: Psychoanalytic Psychology 37 (1), S. 37–49. DOI: 10.1037/pap0000235.

Hobfoll (1988): Modell der Ressourcenerhaltung (model of conservation of resources, COR)

King, G. A.; King, S. M.; Rosenbaum, P. L. (1996):  How mothers and fathers view professional caregiving for children with disabilities.

Neece, Cameron L.; Green, Shulamite A.; Baker, Bruce L. (2012): Parenting stress and child behavior problems: a transactional relationship across time. In: American Journal on Intellectual and Developmental Disabilities 117 (1), S. 48–66. DOI: 10.1352/1944-7558-117.1.48.

Parenting Stress Index: Einsatz bei Müttern sprachentwicklungsgestörter Kinder (2004). Online verfügbar unter https://www.psycharchives.de/jspui/handle/20.500.11780/2756.

Stadelmann, Stephanie; Perren, Sonja; Kölch, Michael; Groeben, Maureen; Schmid, Marc (2010): Psychisch kranke und unbelastete Eltern. In: Kindheit und Entwicklung 19 (2), S. 72–81. DOI: 10.1026/0942-5403/a000011.

Vostanis, Panos; Graves, Alexandra; Meltzer, Howard; Goodman, Robert; Jenkins, Rachel; Brugha, Traolach (2006): Relationship between parental psychopathology, parenting strategies and child mental health–findings from the GB national study. In: Soc Psychiat Epidemiol 41 (7), S. 509–514. DOI: 10.1007/s00127-006-0061-3.