Rechenstörung

Erste Anzeichen im Vorschulalter

Im Vorschulalter finden sich oftmals erste Anzeichen für eine spätere Rechenstörung.

Typische Schwierigkeiten zeigen sich beim:

  • Vergleichen von zwei Mengen; den Kindern fällt es schwer anzugeben, welche Menge größer bzw. kleiner ist (z. B. ●●● > ●)
  • Abzählen einer Anzahl von Objekten
  • Zählen (z. B. Weiterzählen von einer bestimmten Zahl, in Schritten Zählen)
  • Zerlegen einer Menge in zwei Teilmengen

Typische Anzeichen im Grundschulalter

Alle Kinder machen anfangs Fehler beim Rechen. Wichtig ist, welche Fehler ein Kind macht und vor allem wie oft die Fehler auftauchen. Kindern mit einer Rechenstörung fehlen oft die zum Rechenerwerb notwendigen Basiskompetenzen. Das führt zu Schwierigkeiten, die sich typischerweise zeigen beim:

  • Zählen (z. B. Vorwärtszählen, Rückwärtszählen, in Schritten zählen)
  • Bestimmen der Position einer Zahl auf dem Zahlenstrahl
  • Vergleichen von zwei Zahlen (welche ist größer bzw. kleiner, z. B. 3 > 1)
  • Abspeichern und automatischen Erinnern der Ergebnisse einfacher Rechenaufgaben (z.B. Einmaleins)
  • Verstehen und Anwenden von Rechenregeln (z. b. 2 + 5 = 5 + 2)
  • Stellenwertsystem (123à 1 = Hunderter, 2 = Zehner, 3 = Einer)
  • Übergang in größere Zahlenräume (z.B. Hunderterraum)
  • Transkodieren, besonders Einer-Zehner-Inversion (z. B. 17 = siebzehn nicht zehnsieben)
  • „Entschlüsseln“ von Textaufgaben
  • Übergang vom zählenden Rechnen zu nicht-zählenden Strategien (LINK Zählstrategien)

Fingerrechen ist kein unmittelbares Anzeichen einer Rechenstörung. Kinder nutzen am Anfang beim Rechnen ihre Finger als visuelles Hilfsmittel und Merkhilfe (2 Finger = 2). Erst wenn sie ab Klasse 3 selbst bei leichten und bekannten Rechenaufgaben ihre Finger immer noch verwenden, kann dies auf Rechenschwierigkeiten hindeuten.

Erste Anlaufstelle Schule

Sprechen Sie bitte zunächst die Lehrkraft an, die den Mathematikunterricht in der Klasse Ihres Kindes gibt, wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind anhaltende Schwierigkeiten beim Rechnenlernen hat oder eine Rechenstörung vorliegen könnte.  Aufgrund der Kenntnis des Lernstandes der Klasse ist es der Lehrkraft möglich, eine erste fundierte Einschätzung zu geben. Sieht auch die Lehrkraft, dass Ihr Kind typische Anzeichen einer Rechenstörung zeigt (LINK Wissensteil Anzeichen Rechenstörung), so besprechen Sie mit der Schule die nächsten Schritte.

 

Folgende nächste Schritte sind möglich:

  • Der schulpsychologische Dienst (LINK WISSENSTEIL /schulpsychologischer Dienst) untersucht das Kind und gibt eine Einschätzung, ob und welche Unterstützungsmaßnahmen notwendig sind.
  • Die Lehrkraft und die Schulleitung entscheiden, ob die Rechenprobleme so gravierend sind, dass eine zusätzliche Förderung notwendig ist und ein Nachteilsausgleich und/oder ein Notenschutz gewährt wird¹
  • Eine amtlich anerkannte Diagnose einer Rechenstörung nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann zusätzlich eingeholt werden. Sie ist unter Umständen hilfreich, damit das betroffene Kind in der Schule weitere Unterstützung und Förderung erhält.

¹ Hängt von den Regelungen der einzelnen Bundesländer ab.

Förderung, Nachteilsausgleich und andere Benotung in der Schule

Bildung ist Ländersache. Wie Ihr Kind in der Schule unterstützt wird, hängt daher vom jeweiligen Bundesland und der Schule selbst ab. In manchen Bundesländern gibt es gesetzliche Erlasse für den Umgang mit einer Rechenstörung, im Gegensatz zur Lese-/Rechtschreibstörung jedoch nur in einzelnen Bundesländern und meist auf das Grundschulalter beschränkt.  Diese Erlasse regeln, welche Unterstützung Ihrem Kind in welchen Jahrgangsstufen zusteht.

Weitere Informationen finden Sie auch auf den Webseiten  der Kultusministerien Ihres jeweiligen Bundeslands.

Letztlich entscheidet die Schule bzw. die Schulleitung, was im Einzelfall getan wird. Grundsätzlich ist jede Schule verpflichtet, ihre Schüler*innen individuell bestmöglich zu fördern. Wenden Sie sich daher zuerst an die Schule.

 

Schulische Unterstützungsmöglichkeiten

Die meisten Unterstützungsmöglichkeiten, die Ihr Kind in der Schule erhält, sind auf ein Schuljahr beschränkt und müssen für jedes Schuljahr neu genehmigt werden. Zunächst werden meist unterrichtsdidaktische Methoden angewandt, um das Kind zu fördern.  Spezifische schulische Förderangebote gibt es in Abhängigkeit von den personellen Kapazitäten und den jeweiligen Regelungen der Bundesländer:

 

  • Schulische Förderung:
    • Ihr Kind erhält während der Schulzeit eine Förderung. Diese erfolgt in der Zeit des regulären Schulunterrichts, in speziellen Förderkursen oder kann sogar in seltenen Fällen als Einzelförderung angeboten werden. Sie wird von einer Lehrkraft oder dafür ausgebildeten Kraft durchgeführt, die auf den Umgang mit Rechenstörung spezialisiert ist. Art, Inhalt und Umfang der Förderung können sich von Schule zu Schule unterscheiden. Zusätzlich zur schulischen Unterstützung kann Nachteilsausgleich gewährt werden. Die Gewährung von Notenschutz bei der Rechenstörung ist aktuell eher die Ausnahme.

 

  • Nachteilsausgleich (Möglichkeiten):
    • Verlängerte Arbeitszeiten oder Pausen bei Prüfungen
    • Aufgabenvorlagen werden „rechenfreundlich“ gestaltet (z. B. Zahlen werden zusätzlich mit Mengen dargestellt)
    • Einsatz von Hilfsmitteln, z.B. Taschenrechner
    • Prüfungen in gesonderten Räumen in ruhiger Umgebung
    • Geänderte oder vereinfachte Aufgabenstellung bei Hausaufgaben oder Prüfungen

Ein Nachteilsausgleich darf nicht im Zeugnis vermerkt werden.

 

  • Notenschutz:
    Ihr Kind wird im Vergleich zu den Mitschülern anders benotet. Folgende Möglichkeiten gibt es, die aber bisher nicht durch Erlasse festgelegt sind:
    • Die reguläre Note wird durch eine schriftliche Bewertung ersetzt oder ergänzt
    • Rechenfehler aufgrund von Störung basisnumerischer Fertigkeiten werden nicht bewertet
    • Die Benotung wird für einen bestimmten Zeitraum komplett ausgesetzt

Ihrem Kind ist es mit einer anderen Benotung leichter möglich, trotz der Rechenstörung in der Schule erfolgreich voranzuschreiten. Zeigt die Förderung Wirkung und die Leistungen verbessern sich deutlich, so ist eine geänderte Benotung nicht mehr nötig.

Die Art der Benotung darf meistens nur geändert werden, wenn in dem Bundesland entsprechende schulrechtliche Regelungen vorliegen und die Schulleitung/ Klassenleitung dies befürwortet.²

² Die Entscheidung über die Gewährung von Notenschutz ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt.

Zusätzliche Belastungen (LINK Wissensteil/ Komorbidität)

Kinder mit Rechenstörung erleben häufiger Misserfolge in der Schule als andere Kinder. Insbesondere vor Tests und Prüfungen kann es vorkommen, dass sie vermehrt über Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Übelkeit klagen. Traurigkeit oder auch aggressives und gereiztes Verhalten können im Zusammenhang mit Mathematik ebenso vermehrt auftreten.

Auch besteht die Gefahr, dass betroffene Kinder generell die Lust an der Schule verlieren, weil sie dort viele schlechte Erfahrungen machen. Sie möchten dann nicht mehr lernen und versuchen, Leistungssituationen komplett aus dem Weg zu gehen. Langfristig können Kinder eine Mathematik- und Prüfungsangst entwickeln.

Etwa jedes dritte Kind mit einer Rechenstörung hat zusätzlich besondere Lernschwierigkeiten beim Lesen und/oder beim Rechtschreiben (LINK Handlungsteil Eltern LRS). Bisweilen zeigen sich auch Aufmerksamkeitsdefizite bzw. Hyperaktivitätsprobleme (LINK WISSENSTEIL ADHS). Bei einer professionellen Diagnostik der Rechenstörung sollte daher standardmäßig überprüft werden, ob zusätzlich eine Lese- und /oder Rechtschreibstörung (LRS) oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vorliegt.

Diagnostik nach ICD-10

Wenn die individuelle Förderung in der Schule keine Besserung bei Ihrem Kind zeigt, ist zu klären, ob eine zusätzliche Lerntherapie erforderlich ist. Spätestens dann sollte eine ausführlichen Diagnostik nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation durchgeführt werden. Geprüft wird dabei, ob eine Rechenstörung gemäß ICD-10 vorliegt.

Nur mit einer solchen Diagnose kann eine in manchen Fällen mögliche Übernahme der außerschulischen Therapiekosten beim Jugendamt beantragt werden. Bisweilen ist eine solche Diagnose auch für die Schule erforderlich, damit das Kind beispielsweise einen Nachteilsausgleich erhält.

 

Zuständigkeiten

Die Diagnose einer Rechenstörung wird von kinder- und jugendpsychologisch-psychiatrischen Fachkräften gestellt. Zur Terminvereinbarung können Sie sich an die folgenden Stellen wenden:

  • Ambulanz einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Überblick aller Ambulanzen: https://www.kinderpsychiater.org/praxen-kliniken-ambulanzen/)
  • Arztpraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Überblick aller Arztpraxen: https://www.kinderpsychiater.org/praxen-kliniken-ambulanzen/)
  • Sozialpädiatrisches Zentrum / Klinik (Überblick aller SPZs: https://www.dgspj.de/institution/sozialpaediatrische-zentren/)

 

Ablauf

Die Untersuchung gliedert sich grob in drei Teile:

 

Gespräch mit Eltern und Kind

Ziel des Gesprächs ist es, die bisherige Entwicklung Ihres Kindes zu erfassen und die aktuelle Situation in der Schule, zu Hause und innerhalb der Familie kennenzulernen. Dabei werden die individuellen Belastungen des Kindes und der Eltern erfasst und die konkreten Probleme im Rechnen genauer erfragt. Liegen psychische Belastungen, ausgelöst durch die Lernprobleme ihres Kindes, bei Ihnen und bei ihrem Kind vor, sollten Sie diese unbedingt berichten.

 

Körperlich-neurologische Untersuchung

Die körperlich-neurologische Untersuchung wird von einem Arzt durchgeführt. Es wird unter anderem untersucht, ob Ihr Kind ausreichend gut sieht und hört. Auch wird überprüft, ob nicht andere Erkrankungen vorliegen, die womöglich für die Rechenprobleme verantwortlich sein können.

 

Testpsychologische Untersuchung

Die testpsychologische Untersuchung wird meistens von Psycholog*innen durchgeführt. Ihr Kind bearbeitet dabei standardmäßig einen Intelligenztest und einen Rechentest. Anhand des Intelligenztests wird überprüft, ob eine Intelligenzbeeinträchtigung (LINK Wissensteil /Intellligenz) als Ursache für die Rechenprobleme in Frage kommt. Mit dem Rechentest wird ermittelt, wie groß die Probleme im Rechnen im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern sind.

Da Lese-/Rechtschreibprobleme häufig zusätzlich auftreten, ist es sinnvoll, auch die Lese- und Rechtschreibfertigkeiten zu überprüfen.

Psychische Belastungen, wie z.B. Ängste, traurige und gedrückte Stimmung, körperliche Unruhe, Hyperaktivität werden im Rahmen der Untersuchung genauer betrachtet. Liegen psychische Belastungen (Komorbiditäten) vor, wird die Ausprägung der Belastungen oft mit Fragebögen erfasst, die die Eltern und das Kind ausfüllen. Liegt eine psychische Belastung oder Erkrankung vor, sollte diese unbedingt in den Gesamtbehandlungsplan integriert werden.

 

Die Untersuchungen finden meist in mehreren Terminen statt. Liegen Voruntersuchungen vor, insbesondere Dokumente aus der Schule über die Lernentwicklung, sollten diese unbedingt zur Untersuchung mitgebracht werden. Alle Ergebnisse werten die Fachkräfte aus und bewerten mit Ihnen gemeinsam die Befunde. Darauf aufbauend werden die Empfehlungen für die Förderung und Behandlung entwickelt.

 

Kostenübernahme der Untersuchung

Die Kosten der ärztlichen Untersuchung werden von der Krankenkasse übernommen.

Bei der Rechenstörung handelt es sich um eine ICD-10 Diagnose, deren Feststellung von gesetzlichen und privaten Krankenkassen übernommen wird.  Im Gegensatz dazu wird die Förderung im Bereich Rechenstörung nicht übernommen, jedoch die Kosten für die Behandlung von psychischen Erkrankungen, wie z.B. einer Angststörung oder Depression (Komorbiditäten).

Oftmals finden Untersuchungen zur Rechenstörung im Rahmen einer Überprüfung nach Paragraph 35a des Sozialgesetzbuch VIII (LINK Wissenteil § 35a SGB VIII) statt. Dabei wird geklärt, ob die Belastungen durch die Rechenstörung so groß sind, dass bei Ihrem Kind die „gesellschaftliche Teilhabe“ beeinträchtigt oder gefährdet ist. In dem Fall, greift die Eingliederungshilfe und die Kosten für Maßnahmen, zu denen oft die Lerntherapie gehört, werden von der Jugendhilfe nach einem Antragsverfahren übernommen.

Förderung außerhalb der Schule

Wenn die Förderung in der Schule nicht ausreicht, um die Rechenschwierigkeiten Ihres Kindes deutlich zu verbessern, sollte eine Lerntherapie in Anspruch genommen werden.

 

Welche Förderung ist effektiv?

Bei einer Rechenstörung ist nur eine Lerntherapie effektiv.

Lerntherapie“ ist allerdings ein ungeschützter Begriff, sodass im Einzelfall geprüft werden sollte, ob die Förderung auch nach den empfohlenen Methoden der Leitlinie (LINK S3-Leitlinie) erfolgt. Dies ist für Eltern häufig nicht ganz einfach zu prüfen. Ein Hinweis dafür ist die Qualifizierung der Person, die die Förderung anbietet. Das Vorliegen der Zertifikate des BVLs oder des FILs ist bereits ein Qualitätsmerkmal (s. „Der/die richtige Therapeut*in“).

Kennzeichen von empfohlener Förderung ist, dass sie systematisch aufgebaut ist und sich theoretisch an Entwicklungsmodellen des Rechnens (LINK Wissenteil ENTWICKLUNGSMODELL RECHNEN) orientiert. Dies bedeutet, dass auf der Basis der individuellen Diagnostik Schritt für Schritt die einzelnen Entwicklungsstufen des Rechnens erarbeitet werden, beginnend bei den so genannten Basiskompetenzen. Geübt werden z.B. Aufgaben, die das Mengen- und Zahlenverständnis fördern.

Nicht effektiv bei einer Rechenstörung sind Förderungen allgemeiner kognitiver Funktionen, bei denen nicht explizit das Rechnen, bzw. die notwendigen Basiskompetenzen, geübt werden. Dazu zählen vor allem Arbeitsgedächtnis- oder Konzentrationstrainings. Ebenso wenig helfen Programme, bei denen hauptsächlich die Wahrnehmung trainiert wird. Es gibt keine Medikamente oder homöopathische Behandlungen, die bewirken, dass Ihr Kind das Rechnen lernt. Auch hilft Nachhilfe zwar bei mathematischen Wissenslücken, nicht aber bei einer Rechenstörung.

Sie können mit einer nicht-effektiven Förderung sogar einen unerwünschten Effekt auslösen. Wenn Ihr Kind mit den falschen Programmen übt oder mit Therapeuten arbeitet, die wenig über Rechenstörung wissen (häufig bei üblichen Nachhilfeangeboten), bleiben die Erfolgserlebnisse Ihres Kindes in der Schule aus. Es verliert nach und nach jedwede Lust auf weitere Förderung.

 

Der/die richtige Therapeut*in

Vielen Kindern mit Rechenstörung hilft nur eine Lerntherapie, die von einem/r qualifizierten Lerntherapeut*in durchgeführt wird. Der Begriff „Lerntherapeut*in“ ist jedoch nicht geschützt. Das heißt, Lerntherapeut*innen haben keine einheitliche Ausbildung und unterscheiden sich daher in ihrem Wissen und in ihrer Qualifikation. Geeignete Lerntherapeut*innen erfüllen zwei Bedingungen:

1) Vorqualifikation: Lerntherapeut*innen sollten eine gute fachliche Vorqualifikation für den Bereich Lernentwicklung und Lernstörungen bei Kindern und Jugendlichen haben (z. B. Studium Psychologie, Lehramt, Pädagogik).

2) Weiterqualifikation: Lerntherapeut*innen sollten nachweisen, dass sie im Umgang mit Kindern mit Rechenstörung geschult sind. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (BVL) und Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL) bieten beispielsweise Weiterbildungsgänge an. Ebenso gibt es Studiengänge zur Lerntherapie an Hochschulen.

Sie finden geeignete Lerntherapeut*innen auf den Websites des BVL und des FiL. Beide Verbände haben Standards für die Weiterbildung entwickelt.

Lerntherapeuten arbeiten entweder in eigener Praxis oder sie gehören einer Arbeitsgruppe bzw. einem Institut an, die es an verschiedenen Orten in Deutschland gibt. Eventuell haben diese Institute eigene Ausbildungsstandards für Lerntherapeut*innen.

Wichtig: Jugendämter haben oft einen Katalog, welche Kriterien ein/e Lerntherapeut*in erfüllen muss, damit sie die Therapiekosten übernehmen. Sie sollten die Therapeut*innenwahl vorab mit dem Jugendamt klären, wenn die Therapie im Rahmen der Eingliederungshilfe stattfindet (LINK Wissenteil /§35a SGB VIII).

Dauer und Verlauf einer Lerntherapie

Eine Lerntherapie kann mehrere Jahre dauern.

In einer Lerntherapie gibt es immer Hochs und Tiefs. So zeigen sich bisweilen schnelle Lernfortschritte, die dann abgelöst werden von Phasen mit weniger Fortschritt. Parallel zur Lerntherapie findet auch der reguläre Mathematikunterricht statt, in dem Ihr Kind mit schwierigen Inhalten konfrontiert wird. Frust und Unlust sind daher nicht unüblich. Therapeut*innen müssen mit Ihrem Kind oft auch Geschehnisse aus der Schule aufarbeiten (z. B. schlechte Noten), bevor überhaupt mit der eigentlichen Förderung begonnen werden kann. Für einen guten Verlauf einer Lerntherapie kommt es daher auch auf die gute Beziehung zwischen Ihrem Kind und dem/der Therapeut*in an.

Kosten und finanzielle Unterstützung

Die Kosten für eine Lerntherapieeinheit sind sehr unterschiedlich. Soweit bekannt liegen sie zwischen ca. 30 und 80 Euro. Üblich ist eine Fördereinheit pro Woche, wobei eine intensivere Förderung oft sehr hilfreich wäre. Die Kosten der Lerntherapie werden nicht von der Krankenkasse übernommen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit Sie die Therapie nicht selbst zahlen müssen, die jedoch nur in manchen Fällen greifen:

 

1) Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII

Sie stellen beim Jugendamt einen Antrag auf Eingliederungshilfe gemäß § 35a SGB VIII. Sie müssen dann nachweisen, dass Ihr Kind wegen der Rechenstörung zusätzliche psychosoziale Belastungen (z. B. ausgeprägte emotionale Probleme in Folge der Lernstörung) hat und deswegen im schulischen und persönlichen Alltag sehr eingeschränkt ist (z.B. Schulangst führt zu eingeschränktem Schulbesuch).

Das Jugendamt prüft auf der Basis der vorliegenden Befunde, ob folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Die seelische Gesundheit Ihres Kindes (z. B. emotionales Befinden) weicht seit mehr als sechs Monaten vom alterstypischen Zustand ab.
  • Die Teilhabe Ihres Kindes an der Gesellschaft ist dadurch bereits beeinträchtigt oder wird in Zukunft beeinträchtigt sein.

Antrag stellen

Info: So wird der Antrag gestellt

  • Sie setzen sich mit dem zuständigen Jugendamt in Verbindung und besorgen sich die notwendigen Formulare. Jedes Jugendamt hat hier ein eigenes Procedere. Eventuell ist bereits ein erstes Beratungsgespräch beim Jugendamt notwendig.
  • Es wird ein ärztliches Gutachten nach § 35 a SGB VIII erstellt. Das Gutachten wird von kinder- und jugendpsychiatrisch-psychologischen Fachkräften erstellt. In dem Gutachten wird festgestellt, dass die seelische Gesundheit und die Teilhabe Ihres Kindes an der Gesellschaft wegen der Rechenstörung beeinträchtigt ist.

Manche Jugendämter erfordern zusätzlich einen Nachweis der Schule

  • Der Antrag, das ärztliche Gutachten und die Bestätigung der Schule werden beim Jugendamt eingereicht. Eventuell ist hierfür ein Termin notwendig. Das Jugendamt prüft nun, ob die Voraussetzungen für Eingliederungshilfe erfüllt sind.
  • Sind die Voraussetzungen erfüllt, können die Kosten einer Lerntherapie übernommen werden. Sie erfahren vom Jugendamt, wie viele Lerntherapiestunden bewilligt werden. Auch werden Sie informiert, bei welchen Lerntherapeut*innen oder Instituten Ihr Kind die Lerntherapie durchführen kann.

Wurde eine Lerntherapie durchgeführt, erfolgt erst eine Prüfung, ob eine weitere Lerntherapie notwendig ist:

  • Kurz vor Abschluss des Bewilligungsumfangs der ersten Lerntherapie informiert der/die Lerntherapeut*in das Jugendamt über die durchgeführte Therapie und welche Verbesserungen erzielt wurden. Auch gibt er/sie eine Einschätzung, ob eine weitere Förderung notwendig ist.
  • Bei einem Termin im Jugendamt bewerten die Jugendamtsmitarbeiter, ob sich der Gesamteindruck Ihres Kindes gebessert hat. Jedes Jugendamt hat hier eigene Vorgehensweisen. Manche Jugendämter sprechen nur mit Ihnen und Ihrem Kind. In anderen Jugendämtern ist auch nochmal ein ärztliches Gutachten nach § 35 a SGB VIII notwendig.

Hat sich die Gesamtsituation Ihres Kindes nicht gebessert, so können vom Jugendamt zum Beispiel psychotherapeutische Behandlungen (z. B. Behandlung einer Angststörung, falls Ihr Kind spezifische Ängste vor Mathematik zeigt) empfohlen werden. Das heißt, aus Sicht des Jugendamts verbessert eine Lerntherapie allein evtl. nicht die beeinträchtigte seelische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe Ihres Kindes, weswegen andere Maßnahmen empfohlen werden.

2) Bildungs- und Teilhabepaket

Sie beantragen für Ihr Kind eine Lernförderung gemäß dem Bildungs- und Teilhabepaket. Sie weisen damit nach, dass der Lernfortschritt Ihres Kindes gefährdet ist, die Schule keine ausreichenden Fördermöglichkeiten hat und Sie selbst nicht genug Geld für eine zusätzliche Förderung verdienen.

Folgende Voraussetzungen müssen erfüllt sein:

  • Ihr Kind ist unter 25 Jahre alt und besucht eine allgemein- oder berufsbildende Schule. Es darf noch kein eigenes Einkommen (z. B. im Rahmen der Berufsausbildung) haben.
  • Sie beziehen mindestens eine der folgenden Leistungen: Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II (Hartz IV), Sozialgeld, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Wohngeld oder Kinderzuschlag.

Antrag stellen

Info: So wird der Antrag gestellt

  • Sie besorgen sich das Antragsformular von dem Amt, von dem sie Leistungen beziehen. Beziehen Sie Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld, ist das Jobcenter zuständig. Beziehen Sie Sozialhilfe, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Wohngeld oder Kinderzuschlag, ist das Sozialamt zuständig.
  • Gemeinsam mit der Schule wird der Antrag ausgefüllt. Die Schule muss zwei Dinge dabei bestätigen:
    1. Ihr Kind wird aufgrund der Rechenstörung die wesentlichen Lernziele nicht erreichen. Eventuell ist auch die Versetzung in die nächste Klassenstufe nicht möglich.
    2. Weder die schulischen Förderangebote noch die kostenfreien Förderangebote außerhalb der Schule reichen aus, damit Ihr Kind die Lernziele erfüllt. Es hilft folglich nur eine Lerntherapie.
  • Sie recherchieren bereits eine geeignete Förderung. Sie suchen nach einer Praxis für Lerntherapie (LINK Der richtige Therapeut) und ermitteln, was eine Fördereinheit dort kostet.
  • Der Antrag, die Bestätigung der Schule sowie sämtliche Informationen zur geplanten Lerntherapie werden eingereicht.
  • Wird der Antrag bewilligt, erhalten Sie einen Bildungsgutschein. Den Gutschein können Sie direkt dem/der Lerntherapeut*in geben, wenn die Förderung beginnt. Er/sie rechnet dann die Stunden selbst mit dem Amt ab. Wird der Antrag nicht bewilligt, so lohnt es sich, Widerspruch einzulegen. Ämter bewilligen die Förderung oft nur, wenn die Versetzung in die nächste Klassenstufe bedroht ist. Mittlerweile wurde jedoch in einem Urteil festgestellt, dass es nicht ausschließlich um die Versetzung geht, sondern darum, dass Kinder ausreichend gut rechnen können.

Umgang mit Begleiterscheinungen (Komorbiditäten)

Komorbiditäten  und zusätzliche Belastungen stellen eine enorme Herausforderung für Ihr Kind und Sie dar.

 

Liegt zusätzlich eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung (LRS) vor:

Rechenstörung und LRS werden von Schulbehörden nicht als gleichwertig eingestuft. Für eine LRS gibt es erfahrungsgemäß mehr Förderangebote, auch erhalten Kinder in der Schule mehr Unterstützung.

Auch bei einer LRS sollten Sie Unterstützung in Schule und bei Vorliegen einer Teilhabebeinträchtigung beim Jugendamt beantragen. Die Schritte sind die gleichen wie bei einer Rechenstörung.

Falls eine Finanzierung durch das Jugendamt vorliegt, wird die Anzahl an Lerntherapiestunden nicht automatisch erhöht, wenn zusätzlich zur Rechenstörung eine LRS vorliegt. Es wird meist pauschal eine Anzahl an Therapiestunden genehmigt, die dann zwischen der Rechenstörung und der LRS aufzuteilen ist.

 

Liegen zusätzlich eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder andere Störungen (z. B. Angststörung) vor:

Für die therapeutische Behandlung psychischer Störungen übernimmt die Krankenkasse die Behandlungskosten. Abzuklären ist in diesem Zusammenhang, ob weitere Störungen aufgrund der Rechenstörung entstanden sind oder davon unabhängig sind. Eine ADHS ist beispielsweise meist unabhängig von der Rechenstörung. Anders verhält es sich, wenn Ihr Kind mit einer Rechenstörung eine Angst vor Mathematik entwickelt, was sich zu einer allgemeinen Schul- und Prüfungsangst weiterentwickeln kann.

 

Förderschwerpunkte setzen:

Hat ein Kind mehrere Probleme, so ist es sinnvoll, wenn Lehrkräfte in Absprache mit dem/der Lerntherapeut*in klare Förderschwerpunkte setzen. Entscheidend ist dabei immer, was das Kind am meisten braucht und wo eventuell schulische Unterstützung ausreicht.

Das wichtigste Ziel einer Förderung ist daher: Ihr Kind soll einerseits nicht zurückbleiben aber andererseits nicht die Freude an der Schule verlieren. Sie sollten daher nicht versuchen, alles gleichzeitig zu verbessern, nur damit gute Noten erzielt werden. Ihr Kind hat nur begrenzte Ressourcen und verweigert möglicherweise bei zu viel Förderung jede weitere Therapie.

Hat Ihr Kind neben einer Rechenstörung auch noch eine LRS, so sollte im besten Falle beides in gleichem Umfang in einer Lerntherapie gefördert werden. Am besten findet eine solche Lerntherapie auch bei dem/der gleichen Therapeut*in statt. Da eine gute Lesekompetenz auch für das Rechnen wichtig ist, profitiert Ihr Kind von einer kombinierten Lerntherapie. Vermeiden Sie daher im besten Falle auch Kombinationen wie „Lerntherapie für die Rechenstörung“ und „Nachhilfe für die LRS“.

Liegen bei Ihrem Kind neben der Rechenstörung noch emotionale Belastungen oder eine ADHS vor, so wägen Sie gemeinsam mit der Lehrkraft, Lerntherapeut*in und dem behandelnden Arzt ab, wo derzeit der Förderschwerpunkt zu setzen ist. Dies ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Bei manchen Kindern ist die ADHS so stark ausgeprägt, dass diese erst behandelt werden muss, bevor überhaupt mit der der Lerntherapie begonnen werden kann. Andere Kinder profitieren von einer kombinierten Therapie (z. B. Lerntherapie + ADHS-Therapie).

Die Rolle der Eltern

Hat Ihr Kind eine Rechenstörung, können Sie Ihr Kind unterstützen und ihm helfen:

  1. Kind emotional stützen und begleiten: Sie bauen Ihr Kind bei schlechten Noten und Misserfolgen auf. Ebenso loben Sie Ihr Kind bei noch so kleinen (und hart erarbeiteten) Lernerfolgen und motivieren es, weiter zu lernen. Ihr Kind sollte, trotz schlechter Noten, Rechenstörung und Lerntherapie nicht die Lust am Lernen und den Spaß in der Schule verlieren. Das Thema „Mathematik“ wird wahrscheinlich zu Hause eine wichtige Rolle spielen, jedoch soll sich der Alltag nicht nur darum drehen. Sie zeigen Ihrem Kind, dass es viele Sachen abseits der Mathematik gibt, die es mühelos kann oder wo es Dinge genauso schnell oder schneller lernt als andere. Hobbys, die Ihr Kind begeistern, sind dafür sehr gut und sollten von Ihnen bestmöglich unterstützt werden. Ihr Kind bekommt so das Gefühl, etwas erreichen zu können (LINK Wissenteil/ SELBSTWERT). Das wiederum wirkt sich positiv auf die Schule und die Lerntherapie aus.
  2. Zwischen Schule und Lerntherapeut*in (und evtl. Jugendamt) vermitteln: Der Austausch zwischen diesen Parteien ist wichtig. Sie können hier als Schnittstelle alle darüber informieren, welche Probleme Ihr Kind derzeit hat, welche Förderung es erhält und welche Fortschritte es zeigt.

Informieren und Vernetzen

Sie können sich beim Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (BVL) beraten lassen. Der BVL ist ein Verband für Eltern und Betroffene. Er informiert über Rechenstörung sowie LRS und berät bei der Durchsetzung von Fördermaßnahmen. Gleichzeitig können sich Betroffene vernetzen.

Zusätzliche Förderung zu Hause

Erhält Ihr Kind eine Lerntherapie und gegebenenfalls noch eine Förderung in der Schule, so sollten Sie von weiterer Förderung zu Hause absehen.

Oft möchten sich Eltern ebenfalls an der Förderung beteiligen und Ihrem Kind damit helfen. Jedoch ist dies nicht immer ratsam. Zum einen haben die meisten Eltern nicht das Fachwissen, um eine Förderung effektiv zu gestalten. Zum anderen herrscht zwischen Eltern und Kind nicht die für die Wirksamkeit der Förderung erforderliche professionelle Distanz. Lernprobleme können so schnell in Streit übergehen und das Familienleben unnötig belasten. Auch darf nie vergessen werden: Kinder sollen auch Kinder sein. Sie sollen spielen, Spaß haben und Neues entdecken. Vor allem brauchen sie auch Pausen und können nicht so viel Leistung abrufen wie Erwachsene. Schaffen Sie daher für ihr Kind den Raum sich zu erholen und Kraft zu tanken.

Eine Ausnahme ist selbstverständlich, wenn Ihr Kind von sich aus mitteilt, dass es zu Hause noch etwas üben möchte und Sie ausreichend Zeit und Ressourcen dafür haben. Hierfür gibt es Förderprogramme, die Eltern anleiten, zuhause ihr Kind zu fördern (Link Förderprogramme für zuhause). Es gibt in den letzten Jahren sehr gut konzipierte Rechenförderprogramme, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist, und die ihr Kind zuhause allein am PC oder Tablet durchführen kann. Eine Übersicht gibt es hier (LINK Übersicht computerbasierte Förderprogramme Rechenstörung).

 

Weitere Informationen darüber, wie Sie Ihr Kind unterstützen können und auch dazu, wie Sie dabei auf sich selbst achten können, finden Sie hier im Elterncoaching.